Einsortiert unter: Suedamerika 2010/11
Uns ist die Zeit nicht abgelaufen. Viel eher haben wir die Zeit abgelaufen! Unsere Schuhe koennen davon ein Liedchen singen.
Wir moechten uns bei all den lieben Menschen bedanken, die unsere Reise hier oeffentlich oder auch im Stillen verfolgt haben, uns (so hoffen wir doch) immer das Beste gewuenscht haben. Wir hoffen sehr, dass dieser Blog dazu beitragen konnte, diejenigen teilhaben zu lassen, die teilhaben wollten. Neben der persoenlichen Erinnerung an dieses Jahr war es unsere Absicht, ein kleines bisschen dieser fantastischen Zeit zu teilen und kleine Einblicke in grosse Laender zu geben.
Vielen Dank fuer Euer Interesse, an Ideen mangelt es uns nicht, hier geht es dann so bald wie moeglich weiter.
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Die Sierra Nevada de El Cocuy ist ein bedeutender Ort. Das liegt nicht nur daran, dass dieser Teil der Anden ueber das groesste Gletschergebiet Kolumbiens verfuegt und daher jedem naturbegeisterten Menschen des Landes ein Funkeln in die Augen zaubert. Es ist vor allem die Tatsache, dass wir von Anfang an – also etwa seit Mai diesen Jahres – den Traum hatten, diesen Flecken Erde auf unseren eigenen Fuessen zu erkunden.
Die Auswirkungen des verheerenden Winters mit den heftigsten Regenfaellen in der Geschichte des Landes zwangen uns zu Beginn noch dazu, unsere Plaene zu aendern und schweren Herzens die Wanderung im Nationalpark zu verschieben. Als wir dann kurz darauf beschlossen, unsere Reise bis kurz vor Weihnachten zu verlaengern, wussten wir noch nicht, dass wir eine zweite Chance erhalten sollten. Jedoch waere es gelogen zu behaupten, El Cocuy waere nicht die ganze Zeit ueber in unseren Koepfen geblieben. Zu viele atemberaubende Fotos hatten wir scjon gesehen, zu viele Menschen hatten uns von der Schoenheit der Berge vorgeschwaermt und die Sierra als das ultimative Trekking-Ziel des Landes angepriesen. So kam es, dass wir selbst in der schwuelen Abgeschiedenheit des peruanischen Amazonas-Beckens ab und an den Gedanken an die gletschergeschwaengerten Berge der kolumbianischen Anden nicht unterdruecken konnten.
Ende November war es nun soweit. Trotz der erneut schweren Regenfaelle, die das ganze Land in Atem halten, wagten wir die Reise in das Bergdorf Guican, der letzten Siedlung vor eginn der Wanderung. Mit unserer Ankunft stellte sich strahlender Sonnenschein ein, die Vorzeichen schienen guenstig zu stehen. Aufgeregt wie kleine Kinder mit einer ordentlichen Portion Vorfreude, jedoch eingestellt auf eine Menge Regen und alle uebrigen Unwegbarkeiten, die die fuer ihre harten Wetterbedingungen beruechtigte Sierra Nevada starteten wir also unseren Rundweg.
Nicht etwa die Tatsache, 9 Tage lang weit abseits jeglicher Zivilisation eine abgeschiedene Bergkette durch schroffes Gelaende zu durchkreuzen bereitete und Kopfschmerzen. Vielmehr ist es die Hoehe, die selbst die ambitioniertesten und hartgesottensten Bergfreunde oftmals zur Umkehr und damit zur Aufgabe ihres Traumes zwingen. Der Weg verlaeuft ueber seine komplette Distanz oberhalb der 4.000-Meter-Linie. Die durchschnittliche Hoehe betraegt etwa 4.300 Meter, die Naechte werden allesamt zwischen 4.300 und 4.500 Metern verbracht, die hoechsten der 7 Bergpaesse ueberschreiten die 4.700-Meter-Marke. In dieser Hoehe faellt das Wandern auch ohne sonstige technische Schwierigkeiten schwer. Also waren wir nur allzu froh darueber, dass wir den Grossteil der vergangenen Monate in vergleichbaren Hoehenlagen verbracht hatten und daher mit der Akklimatisierung – sieht man von den Kopfschmerzen und der phasenweisen Atemlosigkeit in den ersten 2 Tagen einmal ab – keine ernstzunehmenden Probleme hatten.
Der Rundweg ist normalerweise in 6 Tagen zu bewaeltigen. Da wir jedoch von vornherein wussten, dass dies unsere letzte grosse Wanderung auf dieser Reise werden sollte, stand fuer uns von Anfang an der Genuss an erster Stelle. Darueberhinaus lagen wir mit der Annahme, dass es viel regnen wuerde, richtig. So standen wir jeden Morgen um 5.30 Uhr auf, genossen ca. 2 Stunden blauen Himmel und Sonnenschein, bevor die Wolken aufkamen und weite Teile der Sierra fuer den guten Teil des Tages in (Regen-)Wolken und Nebel huellten. Erst ab spaeten Nachmittag konnte auf eine Besserung der Verhaeltnisse gehofft werden. So kam es, dass wir neben viel Zeit in den Bergen eben auch viel Zeit im Zelt verbrachten.
Da wir jedoch viel zu feiern hatten, konnten wir demgegenueber recht gelassen bleiben. Zum einen waren wir ja schliesslich genau an dem Ort, den wir uns seit langer Zeit ertraeumt hatten, zum anderen verbrachten wir unsere 100ste (!!!) Nacht im Zelt. Fast ein Drittel unserer Naechte auf dieser langen Reise haben wir damit in unseren eigenen „4 Waenden“ verbracht. Nicht nur fuer uns, sondern auch fuer unser Zelt eine stolze Leistung. Alleine in den Bergen, bepackt nur mit dem Notwendigsten und unserem Haeuschen haben wir uns stets am wohlsten gefuehlt. Eine gemeinsam entdeckte und entwickelte Leidenschaft, die – so sind wir uns sicher – noch sehr lange Bestand haben wird.
Die 9 Tage in der Sierra Nevada de El Cocuy bleiben nicht nur der besonderen Umstaende wegen in Erinnerung. Es handelt sich schlichtweg um eine der spektakulaersten – wenn nicht gar DIE spektakulaerste – Berglandschaften des Kontinents. Am letzten Tag erst haben sich unsere Wege mit denen anderer Wanderer gekreuzt. Die uebrige Zeit hatten wir die einzigartige Szenerie ganz alleine fuer uns und kamen aus dem Staunen oft nicht mehr hinaus. El Cocuy ist eine Reise wert; eine zeitnahe jedoch, denn die Gletscher befinden sich wie fast ueberall auf der Welt auf dem Rueckzug. So dramatisch wie hier sind die Folgen des Klimawandels jedoch an kaum einem anderen Ort zu spueren. 18 Gletscher auf einer Laenge von lediglich 30 km sind beachtlich – das groesste Gletschergebiet Suedamerikas noerdlich von Ecuador. Klimaforscher rechnen derzeit jedoch damit, dass die Kordillere schon in 15 Jahren komplett schnee- und eisfrei sein wird. Traurige Aussichten! Wer diesen atemberaubenden Flecken Erde noch in seiner jetzigen Form bestaunen moechte, sollte sich beeilen – es lohnt sich!
Momentan befinden wir uns nun wieder in Bogotá, unserer ersten Station in Kolumbien. Wir geniessen die letzten Tage, obwohl der nahende Abschied natuerlich unwillkuerlich seine Schatten zieht. Unsere Zeit hier ist bald abgelaufen – der Zustand unserer zu Beginn der Reise neu gekauften und mittlerweile entsorgten Wanderschuhe koennte kein passenderes Symbol darstellen.
Ein letzter Blog-Eintrag nach einem ganzen Jahr in Suedamerika ist eigentlich dazu praedestiniert, sentimental zu werden. Sicherlich gaebe es tausende verschiedene Gruende zu nennen, warum uns momentan etwas mulmig ums Herz wird. Genauso koennten an dieser Stelle unzaehlige Reiseerfahrungen reflektiert werden. Nur: all das gehoert nicht an diese Stelle. All das ist in uns und all das bleibt in uns. Die Erfahrungen hier haben tiefe Spuren hinterlassen. In welcher Art uns Weise sie veraendert haben, koennen wir selbst nicht beurteilen. Wir sind ueber alle Massen dankbar fuer die Zeit, die wir hier verbringen durften, fuer die Menschen, die wir mittlerweile Freunde nennen und fuer all die neuen Ideen, mit denen wir nun die Rueckreise antreten.
Es gibt sehr viele Dinge aufzuarbeiten, nachzuerleben und nachzufuehlen. Es hat sich einiges veraendert – gerade durch die Zeit in Kolumbien. Unsere Liebe fuer und Dankbarkeit gegenueber diesem Land und seinen wunderbaren Menschen kann man schlecht in Worte fassen. Vielleicht genuegt es zu sagen, dass wir uns unter Menschen noch in keinem anderen Land – unser eigenes eingeschlossen – so wohl gefuehlt haben, wie hier.
Wir kommen wieder!
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Kolumbien ist in der Tat das Land, das die tiefsten Spuren hinterlassen hat. Das hat vielerlei Gruende. Zum einen werden wir am Ende dieser Reise in Kolumbien mehr Zeit verbracht haben, als in jedem anderen Lateinamerikanischen Land. Zum anderen haben wir hier neben den unzaehligen namenlosen Begegnungen des taeglichen Lebens auf Busfahrten, an Fressstaenden, in den Bergen und auf den Plaetzen dieses Landes (die umwerfende Freundlichkeit, Offenheit, Lockerheit, kurz: das Miteinander der Menschen wurde an anderer Stelle schon mehrfach als aussergewoehnlich beschrieben) wahre Freundschaften geschlossen. Mit Kolumbianern in Kontakt zu kommen ist nicht schwer. Da man sich verstaendigen kann, kommt es mehrmals taeglich zu kurzen, manchmal etwas laengeren Wortwechseln. Meist das gleiche. Immerhin sind wir recht offensichtlich Auslaender. Und noch dazu welche, die sich oft in Ecken des Landes herumtreiben, die nicht viele „Gringos“ zu Gesicht bekommen. Deshalb sind Gespraeche in erster Linie gepraegt von der Neugier der Leute. Wo wir herkommen, warum wir gerade nach Kolumbien reisen, wo uns unsere Reise schon ueberall hingebracht hat, wo es uns am besten gefallen hat. Und manchmal auch: ob wir es uns nicht vorstellen koennten, hier zu leben. Eine Antwort darauf zu geben, ist sicherlich nicht allzu einfach, doch es waere gelogen, an dieser Stelle zu behaupten, wir haetten uns die gleiche Frage nicht schon selbst gestellt.
Wirkliche Freundschaften zu knuepfen ist dagegen deutlich schwieriger. Nicht zuletzt deshalb, weil ja von Anfang an klar ist, dass man sich auf “Reisen“ befindet und deshalb vor dem Beginn einer Freundschaft der nahende Abschied schon ueber allem steht. Da kann man noch so ernst behaupten, man meine es ernst, man habe vor, zurueckzukommen. Oftmals ertappt man sich dabei, wie man sich und anderen etwas vormacht: viele Orte sind zwar von atemberaubender Schoenheit, man kann sogar die „Zeit seines Lebens“ dort verleben (auch wir haben mittlerweile mehrere „schoenste Orte der Welt“ gesehen und „beste Zeiten unseres Lebens“ verbracht), man weiss aber zugleich, dass dies oft Dinge sind, die man einmal im Leben macht. „Once in your lifetime“. Punkt. Dreimal Machu Picchu ist irgendwie witzlos. Die Welt ist einfach voller wunderbarer Orte, die allesamt eine Reise fuer sich Wert sind. Es gibt Orte, von denen man im Vorhinein schon weiss, dass die einfach gut sein muessen. Orte, ueber die viel geschrieben, gesendet oder erzaehlt wird. Diese Orte nimmt man auf einer Reise gerne mit, „wenn man schonmal hier ist“. Ob Fitz Roy in Patagonien, Machu Picchu in Peru oder Cartagena in Kolumbien. Allesamt fuer sich gesehen wunderschoene Orte.
Als besonders praegend haben sich fuer uns jedoch die Stationen unserer Reise herausgestellt, die wir ganz und gar nicht „auf der Rechnung“ hatten, von deren blosser Existenz wir, geschweige denn irgendeiner unserer Reisefuehrer, nicht die geringste Ahnung hatten. Nun mag man es Zufall nennen oder Schicksal, aber viele, wenn nicht sogar den Grossteil ebendieser Erfahrungen haben wir in Kolumbien gemacht. Da waere die Halbimsel „La Guajira“ im Nordosten des Landes an der Grenze zu Venezuela mit dem noerdlichsten Punkt des Kontinents Punta Gallinas. Die Zeit unter den dort lebenden Wayuu-Indianern hat fuer uns vieles veraendert. Sie hat uns gezeigt, dass mehr als alle anderen Dinge die habitualisierten gesellschaftlichen Verhaltensregeln des eigenen Kulturkreises und die wortwoertliche Kollision ebendieses Systems mit einem anderen, in sich ebenso geschlossenen, jedoch vollkommen andersartigen Systems, dazu fuehrt, dass Menschen das Wort „komisch“ verwenden, wenn sie ueber Menschen urteilen, die unter ganz und gar anderen Umstaenden an einem anderen Ende der Welt verwurzelt sind. „Komisch“ ist in diesem Kontext nicht gerade positiv konnotiert. Warum nicht einfach mal darueber nachdenken, was man selbst fuer einen Eindruck hinterlassen muss? „Komisch“ waere da noch geschmeichelt. „Die Kantonesen essen alles was schwimmt, fliegt oder vier Beine hat, außer U-Booten, Flugzeugen und Tischen“, heisst ein Sprichwort. So what? Nicht schwer vorzustellen, was man in weiten Teilen der Welt von der Idee haelt, verschimmelten Kaese zu essen, sozusagen Milch schlecht werden laesst, sie dann absichtlich mit Schimmelsporen versieht, um sie anschliessend mit einem Glass Rotwein genuesslich zu verspeisen. Das Wort „anders“ waere oftmals wesentlich besser angebracht, wenn man ueber solche Menschen urteilt.
Ein weiterer dieser kostbaren Orte ist die kolumbianische Pazifikkueste. Der „Chocó“ hat tiefe Spuren hinterlassen. Nicht nur, dass die grau-schwarzen, mit Palmen zugewucherten Traumstraende einer der niederschlagsreichsten Orte der Welt (!) sind und sich auch aufgrund der fehlenden Strassenverbindung und einer blutigen Vergangenheit noch kaum ein Tourist dorthin verirrt. Auch nicht, weil sich vor der Kueste mehrere hundert Buckelwal-Maennchen ein Wettspringen um die Gunst der Weibchen liefern, waehrend die Fischer mit aller Kraft aber ohne Aussicht auf Erfolg versuchen, das unvorstellbare Aufkommen an Meeresgetier zu dezimieren, waehrend sich wenige Meter weiter landeinwaerts eines der intaktesten Oekosysteme der Welt befindet. Nein, auch hier waren es vor allen Dingen die Menschen, die diesen Ort zu einem ganz besonderen werden lassen. Eine Gelassenheit, eine Lebensfreude und nicht zuletzt eine Offenherzigkeit, die wir zuvor nur selten erlebt hatten. Auch wenn fuer die Menschen dort vom Reichtum ihres Departmentes nichts abfaellt ist dies ein Platz, der gesegnet ist mit natuerlicher Schoenheit. Wunderschoenen Menschen mit schoenen Herzen.
Nicht zuletzt jedoch sind es die Berge, die den Grossteil unserer Reise entscheidend gepraegt haben. Hier fuehlen wir uns uneingeschraenkt wohl, hier sind wir dem vollkommenen Glueck am naechsten. Ein Ort, der uns unzaehlbar viele glueckliche Stunden beschert hat, ist der Páramo. Gut 3 Wochehn haben wir insgesamt im Nationalpark „Los Nevados“ verbracht. Teils unter den Bergbauern, teils an abgelegenen Lagunen in unserem Zelt. Die extreme koerperliche Erschoepfung nach 10 Stunden Wandern in 4000 m Hoehe war dabei ebenso allzeit praesent wie die tiefe Dankbarkeit, ja fast Ehrfurcht gegenueber der Natur. Momente, in denen man sich verschwindend klein fuehlt, in denen ueber allem eine allumfassende Spiritualitaet steht. Das sind zugleich die Momente, in denen man am empfaenglichsten fuer neue Ideen, alternative Lebensvorstelungen und die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ ist und sich zugleich erhaben fuehlt. Irgendjemand fluestert „nur Mut!, nur Mut!“ Ein Leben im vollkommenem Einklang mit der Natur, den Elementen ausgesetzt, die Gedanken sind frei. Dinge, die vor viel zu langer Zeit unter den schweren Lasten von Bevoelkerungswachstum, Urbanisierung, menschlichem Fortschrittsstreben und nicht zuletzt dem Streben nach materiellem Reichtum begraben wurden.
Zurueck zur Natur!
Hiermit soll keinesfalls die persoenliche Entscheidung eines jeden einzelnen angeprangert werden, der fuer seine persoenliche Freiheit (bzw. das Gefuehl persoenlicher Freiheit) materiellem Reichtum fuer unabdingbar haelt. Im Gegenteil! Im Endeffekt ist es doch das, worauf es wirklich ankommt. Es ist nur so, dass es auch anders geht, auch ohne Aussteiger Leben und Hippie-Kommunen. Man muss lediglich seine persoenlichen Praeferenzen klar definieren. Es ist nur so, dass einen manchmal das Gefuehl ueberkommt, dass man viel zu viel Zeit damit verbringt, irgendwelchen Zielen nachzueifern, mit deren Hilfe man dann uebergeordnete Ziele, ich nenne es mal Traeume, verwirklichen moechte. Nur dass es zum Verwirklichen der Traeume dann meist nicht kommt. Das eigentliche Ziel sollte es sein, seine Traeume auf direktem Wege zu erfuellen oder zumindest dafuer zu sorgen, dass die Traeume am Leben bleiben, dass sie Luft zum Atmen bekommen und nicht einestages unbemerkt ersticken.
Die Wochen und Monate in den Bergen haben unseren Traeumen gut getan. Nicht nur, dass wir einige von ihnen schon jetzt, in unseren jungen Jahren, erfuellen durften bzw. konnten, sondern auch, dass sich neue Traeume entwickeln konnten; und das nicht nur hinsichtlich weiterer Reisen, sondern im Hinblick auf ein bewusstes Leben. Umweltbewusst. Gesundheitsbewusst. Verantwortungsbewusst. Und nicht zuletzt selbstbewusst. Wir sind froh und gluecklich, dass wir viele dieser Momente mit unseren kolumbianischen Freunden Manuel und Fredy aus Manizales, aber auch mit unserem Freund Amdrew in Chile oder Gwenn in Patagonien und spaeter auch in Kolumbien teilen konnten.
Seit unserer Rueckkehr von Venezuela nach Kolumbien vor 3 Wochen haben wir nach einigen Tagen in Pamplona, einer kleinen Kolonialstadt mit lebhafter Studenten-Atmosphaere verbracht, bevor wir uns dann auf den Weg nach Manizales machten, wo wir eine Woche ausserhalb der Stadt im Haus unserer Freunde Fredy und Manuel verbrachten. Viel Musik, gutes Essen, lesen, schlafen und natuerlich nicht zuletzt 4 Tage wandern im geliebten Páramo, bevor wir dann am 21. November den 25. Geburtstag von Elisabeth begiessen durften. Wie es sich gehoert natuerlich mit Lagerfeuer und nem Haufen frischer Salate. Gerade befinden wir uns nach einem Abstecher in das Hollywood-reife Kolonialdoerfchen Villa de Leyva wieder in Tunja, von wo aus wir in wenigen Stunden weiterreisen in Richtung El Cocuy. Dort wartet einer der spektakulaersten Teile der Anden auf uns. 8-10 Tage wollen wir nochmal in die Berge, die frische Bergluft muss ja dann einige Zeit halten.
Bleibt zu hoffen, dass uns die Strassenverhaeltnisse keinen Strich durch die Rechnung machen, denn das Land wird momentan vom zweiten Katastrophenjahr in Folge gebeutelt. Gerade von der letzten Regenzeit erholt stehen nun schon wieder Staedte unter Wasser, fast alle Hauptstrassen des Landes sind von schweren Erdrutschen gezeichnet und es bleibt zu befuerchten, dass sich dies ueber die naechsten monate nicht aendern wird. Aber die Menschen sind es gewohnt, mit Rueckschlaegen umzugehen. Ob Guerilla, Paramilitaers oder Naturkatastrophen: die Warmherzigkeit der Kolumbianer ist unerschuetterbar. Spread the word!

Sonnenaufgang ueber dem Nevado de Tolima am letzten Tag der Wanderung an der Hacienda "La Primavera"
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Nein, es folgt kein Bericht ueber das Leistungsvermoegen unserer in den vergangenen 10 Monaten durch „harte Arbeit“ gestaehlerten Koerper.
Seit unserem kurzen Aufenthalt in Ciudad Bolívar sind wir ein ganzes Stueck weiter in Richtung der kolumbianischen Grenze vorgerueckt. Zuerst verschlug uns die Reise nach Coro, eine der aeltesten Staedte des Kontinent. Anders als in vielen anderen Teilen des Landes, wo die letzten architektonischen Ueberreste vergangener Kolonialzeiten im Sumpf der schnell wachsenden Geschaeftsviertel untergegangen sind, ist hier ein kleiner, sehr sehenswerter Teil der Kolonialarchitektur erhalten geblieben. Seit 1993 gehoert die Altstadt sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe. Trotzdem konnten wir auch hier zum wiederholten Male ein Phaenomen beobachten, welches vielleicht als „kollektive präsozialistische Laehmungserscheinung“ bezeichnet werden koennte.
Die Stimmung in diesem Land ist schlicht eine vollkommen andere als die in anderen lateinamerikanischen Laendern, die wir bislang besucht haben (bis auf Paraguay und die Guyanas sind das sogar alle).
Als relativ verlaesslicher Indikator fuer die momentane Gemuetslage des Volkes hat sich bislang der Hauptplatz (Plaza de Armas – in Venezuela Plaza Bolívar) bewaehrt. Wer etwas zu verkuenden hat (und sei es die Botschaft Jesu Christi), gegen etwas demonstrieren moechte, sich in aller Oeffentlichkeit betrinken will oder sonst einfach etwas loswerden moechte, geht normalerweise zur Plaza, dem Zentrum des oeffentlichen Lebens einer jeden Stadt. Wie gesagt: normalerweise. Nicht so in Venezuela. Nicht nur die Plaza selbst, sondern gleich die ganze Altstadt wirkt seelenlos und verlassen. Menschenleere Strassen, von Cafés, Bars und Restaurants ganz zu schweigen. Die regale in den Supermaerkten sind zu einem guten Teil leer, Milch- und andere Frischprodukte Mangelware. Anfangs haben wir versucht, das auf Sonn- und Feiertage, spaeter auf das unertraeglich heisse Klima zu schieben. Doch all dies kann letztendlich nicht als Erklaerung dafuer dienen, warum man irgendwie das Gefuehl nicht los wird, dass ein guter Teil der Bevoelkerung im wahrsten Sinne des Wortes wie paralysiert wirkt. Diese Annahme wird gestuetzt von den zahlreichen Taxifahrern, mit denen wir gesprochen haben (eine Gruppe von Menschen, die ebenfalls als guter gesellschaftlicher Indikator dient). Viele Leute beklagen sich ueber die grosszuegigen Geschenke ihres Praesidenten „Comandante“ Hugo Chávez an seine „sozialistischen Brueder“ in Cuba und Bolivien, waehrend im eigenen Land noch nicht einmal genug Geld zur Verfuegung steht, die wenigen existierenden Strassen in einen ertraeglichen Zustand zu bringen. Waehrend diese Diskussion im Grunde ja gar nicht mal so weit entfernt von den Scherereien unseres Politik-Alltags entfernt liegen („Denne Zaziki-Fresser bezahle ‘se de Gyros un uff de Voggelstang’ waechst ‘s U’kraut uffm Trottwa!“), ist es vor allem die rasch wachsende Kriminalitaet (la inseguridad), die den Menschen vor allen Dingen in den grossen Staedten Angst macht.
Man kann von diesem Praesidenten sicher halten, was man will. Die Faehigkeit, zu polarisieren und die Menschen dazu zu bringen, eine eigene politische Meinung zu entwickeln, kann im Kontext der Politikverdrossenheit so manchen westlichen Staates wohl durchaus als positive Eigenschaft gewertet werden. Wie komplex das Thema Politik in Venezuela eigentlich ist, kann man vielleicht an der Aussage eines jungen, ambitionierten Kuenstlers aus einem „Akademiker-Haushalt“ (wie der Soziologe zu sagen pflegt) ablesen, mit dem wir uns in Coro einen ganzen Abend lang ueber dieses Thema unterhalten haben. Im Kontext der voranschreitenden Verstaatlichung grosser Firmen hat sich Chávez schon mehrmals an die groesste Brauerei des Landes „Polar“ herangewagt. Bislang ohne Erfolg.
So gespalten die Meinungen im Volk sind, das Bier vereinigt ueber alle politischen Grenzen hinweg. „Nehmt uns alles, was ihr wollt, aber Finger weg von unserem Bier!“
So banal das klingen mag, so viel sagt es doch auch ueber die Einstellung gegenueber der Politik nicht nur des venezuelanischen Volkes aus. In grossen Teilen des Kontinentes warten die Menschen seit der Wiedererlangung ihrer „Unabhaengigkeit“ und dem Sieg ueber die Spanische Krone bis heute auf „Demokratie“. Sie sind schlichtweg daran gewoehnt, dass sie vom Staat absolut nichts zu erwarten haben. Im Gegenteil: sie werden weiter und weiter ausgebeutet. In einem Brief an General Juan José Flores vom 9. November 1830 prophezeit Simon Bolívar, der gefeierte Befreier Lateinamerikas, folgendes:
„Sie wissen, dass ich zwanzig Jahre regiert habe und nicht mehr als zu einigen wenigen, wahren Schlussfolgerungen gekommen bin: 1. Amerika ist für uns nicht regierbar. 2. Der, der einer Revolution dient, gibt sich dem Unsinn hin. 3. Das Einzige, was in Amerika getan werden kann, ist zu emigrieren. 4. Dieses Land wird narrensicher in die Hände der zügellosen Masse fallen, um danach von fast unbekannten, kleinen Tyrannen übernommen zu werden. 5. Ausgerottet durch Verbrechen und ausgestorben an der Wildheit werden sich nicht einmal die Europäer dazu herablassen, uns für sich zurückzuerobern. 6. Wenn es möglich wäre, dass ein Teil der Erde zurück zum primitiven Chaos gelänge, wären dies die letzten Momente in Amerika … Mein Rat als Freund an Sie: Wenn Sie sich irgendwann kurz vor dem Verlust Ihrer Position sehen, verlassen Sie sie mit Ehren von sich aus: Niemand stirbt an Land an Hunger.“
Viele dieser Voraussagungen haben sich mittlerweile, fast 200 Jahre spaeter, in erstaunlicher Art und Weise bewahrheitet. Und trotz oder gerade deswegen wissen sich die Mensche hier viel eher selbst zu helfen. Es kommt ihnen zwar keine Unterstuetzung zu, dafuer schaut ihnen aber auch niemand auf die Finger. Steuern sind fuer den normales Buerger ein Fremdwort, wer ein Restaurant aufmachen moechte, kauft sich einen Herd, Tische, Stuehle und haengt ein Plakat auf die Strasse: „Si, hay comida“. Von buerokratischen Huerden kann da keine Rede sein. Not macht erfinderisch. Wenn auch erzwungen, ist diese Einstellung doch hoechst beeindruckend und effektiv.
Genug Politik. Zurueck zu unserer momentanen Realitaet. Der eigentliche Hauptgrund fuer unseren Coro-Aufenthalt war der Nationalpark „Los Médanos“, der durch seine bis zu 30 m hohen Sandduenen beim Besucher den Eindruck erweckt, er befinde sich tatsaechlich mitten in der Sahara. Lediglich die vereinzelten Lagunen inmitten der Wueste erinnern einen daran, dass man sich auf einem anderen Kontinent befindet. Am folgenden Tag machten wir uns fuer 2 Tage auf den Weg auf die „Peninsula de Paraguaná“. Nicht etwa, um uns eine der weltgroessten Erdoel-Raffinerien in Punto Fijo anzuschauen. Noch viel abartiger: wir hatten es uns als Ziel gesetzt die einzige Erhebung Insel, die sonst flach wie ein Pfannenkuchen ist, zu besteigen. Den Cerro Santa Ana, der ueber 800 m hoch ueber dem Rest der Insel thront. Dass wir den Aufstieg erst gegen 8.30 Uhr begannen, stellte sich schnell als Dummheit heraus, da hier ab 9 Uhr morgens Temperaturen von ueber 30 Grad herrschen und einem das Hirn wortwoertlich „verbrannt“ wird. Die einzigen beiden Gringos weit und breit klettern zur denkbar unguenstigsten Tageszeit auf einen Berg, den sich jeder halbswegs vernuenftige Einheimische lieber bei einem eisgekuehlten Bierchen aus der Ferne anschaut…
Anschliessend fassten wir den Entschluss, der unertraeglichen Hitze zu entfliehen und sind seitdem in Mérida inmitten der venezoelanischen Anden. Das Klima ist angenehm, die Stadt angenehm belebt. Und obwohl wir uns gerade noch in der Regesaison befinden, wollten wir es uns nicht nehmen lassen, die einzigartige Bergwelt in der Umgebung zu erkunden. Auf einer 4-taegigen Traverse steigen wir von 3.600 m fast auf Meeresspiegel-Niveau ab und konnten dabei jegliche Klima- und Vegetationszonen von Páramo ueber hochandinen Nebelwald bis hinunter in den immerfeuchten Tropenwald durchwandern. Die Besonderheit lag dieses mal jedoch vor allen Dingen an der Art der Unterkunft. Am Ende jedes Tages konnten wir uns jeweils ueber frisch zubereitetes Essen einer umwerfend netten Bauernfamilie freuen. Die Bauernhaeuser („Mucuposadas“) sind jeweils Teil eines Wegenetzes, der die abgelegenen Hoefe miteinander verbindet. Die Haeuser sind zwischen 6 und 10 Stunden voneinander Entfernt und liegen allesamt abgeschieden inmitten atemberaubender Andentaeler. Fuer uns eine einmalige Chance, das Wandern zu verbinden mit dem Kennenlernen der Lebensweise dieser Menschen, abseits jeglicher Staedte und Doerfer.
„Aca hay gente sana. No hay delincuencia, aca es seguro.“
Gente sana – gesunde Menschen. Keine Kriminalitaet. Das ist fuer die Mensche in den Bergen wahre Lebensqualitaet. Und nicht nur das. Kein Laerm, keine Hektik, keine Termine. Das Leben in der Satdt als Horrorszenario. Die Menschen hier in ihren vermeintlich einfachen Lebensumstaenden sind wahrlich reich. Und das schoene ist, dass sie einen daran teilhaben lassen. Offene, interessierte, extrem warmherzige Menschen. Sie fuehren ein Leben, das dem unseren so fern wirkt, um das sie aber (zumindest von uns) zweifelsfrei beneidet werden. Es sind diese bestimmten Momente einer langen Reise, in denen man merkt, wie viel es Wert ist, so weit gereist zu sein. In diesen Momenten gehen viele Lichter auf einmal an, weil man dabei ist, etwas fuers Leben zu lernen, weil man befaehigt wird, Schluesse zu ziehen. Wafuer lohnt es sich zu arbeiten, was ist wirklich notwendig, um wahres Glueck und wahre Zufriedenheit zu erreichen? Und so pathetisch das klingen mag: in was fuer einer verrueckten Welt leben wir eigentlich? Es ist ein grosses Geschenk, solche Menschen zu treffen und wir muessen ihnen dafuer dankbar sein, dass sie ein Stueck ihres Glueckes (und das Schoene ist, dass sie wissen, was sie fuer ein Glueck haben!) mit uns teilen. Neben all den landschaftlichen Schoenheiten, die uns tagtaeglich umgeben sind es doch vor allem die zwischenmenschlichen Begegnungen, die den wahren Wert eines solch langen Aufenthaltes in einem anderen Kulturkreis ausmachen. Diese Erfahrungen sind durch kein Geld der Welr zu bezahlen. Es sind Erfahrungen, die die Kraft besitzen, eine wirkliche Veraenderung hervorzurufen. Und das Gefuehl, fuer Veraenderungen empfaenglich zu sein, ist ein einzigartiges.
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Seit 10 Tagen befinden wir uns nun in Venezuela. Genauer gesagt im vermeintlich beschaulichen Grenzstaedtchen Santa Elena de Uairén im Suedosten des Landes. Vermeintlich, da die 15000-Einwohner-Stadt aus Brasilien kommend ueber die erste venezoelanische Tankstelle hinter der Grenze verfuegt. Der Benzinpreis belaeuft sich momentan auf 95 Centavos pro Liter. Das sind umgerechnet weniger als 10 Cent. Zum Vergleich: ein Liter Trinkwasser kostet im Supermarkt ca. das 10-fache. Da die Lebenshaltungskosten auch so um ein Vielfaches guenstiger sind als im Nachbarland stroemen jeden Morgen Heerscharen von Brasilianern ueber die Grenze, um ihr Auto fuer 4 Euro vollzutanken. Damit waere aber vermutlich auch schon alles gesagt, was man in westlichen Gefilden ueber Venezuela zu berichten weiss.
Dass das Land daneben ueber eine Vielzahl anderer natuerlicher Schaetze verfuegt, muss dem Reisenden nicht erzaehlt werden. Der Reichtum an Bodenschaetzen ist nur allzu offensichtlich. Man braucht nur mit offenen Augen durch die Strassen schlendern und wird schnell feststellen, dass fast jedes Eckhaus einen Gold- und Diamantenhaendler beherbergt. Das Geschaeft mit Gold- und Diamanten floriert, Venezuela gilt als eines der preiswertesten Laender fuer den Kauf von Edelmetallen- und Steinen.
Eine weitere Besonderheit liegt in der Landeswaehrung und ist eng verknuepft mit der Waehrungspolitik der Regierung unter Hugo Chávez, einem der wohl umstrittensten Staatsoberhaeupter der Weltpolitik, der unbeirrt seine Idee eines sozialistischen Venezuela nach kubanischem Vorbild verfolgt (auf den Verpackungen der Molkerei „Los Andes“ wird Stolz verkuendet „Hecho en socialismo“) . Um den Bolívar vor Schwankungen zu Schuetzen wurde im Jahre 2008 der Bolívar Fuerte eingefuehrt und ein fester Wechselkurs zum US-Dollar von der Regierung festgelegt. Offiziell bekommt man fuer 1 US$ genau 2,15 BsF. Um die Effizienz dieser Massnahmen im Hinblick auf das Ziel, die Landeswaehrung vor Inflation zu schuetzen, zu beurteilen, braucht man nur mit einem der unzaehligen Maenner auf der Strasse zu sprechen, die unter der Hand Geld tauschen. Auf dem Schwarzmarkt bekommt man aktuell 8 BsF . Das ist ziemlich genau das 4-fache. Da die Banken an den offiziellen Wechselkurs gebunden sind, besteht die einzige Moeglichkeit, preiswert durch das Land zu reisen darin, einen Haufen Bargeld mit ueber die Grenze zu schleppen und vor Ort auf dem Schwarzmarkt zu tauschen. Genau so machen wir das auch. Wie wankemuetig die Waehrung ist, kann man an den sich rasch veraendernden Wechselkursen ablesen. Preise in Supermarrkten veraendern sich fast taeglich. Das ist gut fuer uns, denn wir koennen uns mit unserem Geld wesentlich mehr leisten als gedacht und das vermeintlich teure Venezuela stellt sich mehr und mehr als recht preiswert heraus.
Dass Venezuela ausser Chávez, Oel, Gold, dem Nationalsport Baseball und seinen Schoenheitskoeniginnen (kein Land hat international mehr Wettbewerbe gewonnen) noch mehr zu bieten hat, geht da schnell unter. Die landschaftliche Schoenheit ist eine dieser Dinge. Dass ein Oelstaat wie Venezuela (Erdoel sichert 80 Prozent der Exporterloese; Platz 8 in der Liste der groessten Erdoelfoerderer der Welt) nicht darauf angewiesen ist, seinen Tourismussektor zu foerdern, ist selbstverstaendlich. Doch es ist vor allem der schlechte Ruf, der verhindert, dass mehr Touristen das Land besuchen. Zu unsicher, zu gefaehrlich. Venezuela gilt mittlerweile als eines der gefaehrlichsten Laender des Kontinentes. Inwiefern dies jedoch der Wirklichkeit entspricht oder nur das Ergebnis einer von der Chávez-Opposotion angeheizten Diskussion darstellt, koennen wir bisher noch nicht sagen. Caracas ist mit Sicherheit eine gefaehrliche Stadt, liegt aber ohnehin nicht auf unserer geplanten Reiseroute. Die ersten Tage hier waren jedenfalls eine Freude, die Menschen absolut offen und freundlich.
Wir befinden uns in einem Land, das in vielerlei Hinsicht mit Schoenheit gesegnet ist, das aber von auslaendischen Touristen relativ gemieden wird. Von den Laendern, die wir bislang besucht haben, ist Venezuela in der Tat das erste lateinamerikanische Land, in dem der Tourismus ruecklaeufig ist. Reiseagenturen schliessen vielerorts, Hostels und Hotels stehen leer. Das Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar, die Menschen fuerchten jedoch, dass dies erst der Anfang ist und die Sicherheitslage fuer auslaendische Besucher sich in den kommenden Jahren weiter verschlechtern wird.
Wir haben vor einigen Monaten beschlossen, das land zu besuchen. Das hatte vor allen Dingen einen Grund: die Gran Sabana. Elisabeth hatte vor einigen Jahren in der GEO-Zeitschrift einen Bericht ueber diesen Teil des Landes gelesen und seitdem nicht mehr vergessen. Was dieses Gebiet so einzigartig macht, sind vor allem seine Tafelberge, auch Tepuis genannt. Einige hundert dieser Berge gibt es in dieser Region, verteilt auf Venezuela, Brasilien und Guyana. Zu weltweiter Bekanntheit gelangte der hoechste und aelteste unter ihnen: der Roraima. Entstanden vor ueber 2 Milliarden Jahren, als Suedamerika, Afrika und Australien noch gemeinsam den Superkontinent Gondwana bildeten. Ein Ort der Superlativen. Auf seinem felsigen Hochplateau, das in seiner Kargheit sprichwoertlich an eine verlassene Welt erinnert („The Lost World“), inspirierte nicht nur Wissenschaftler, sinder auch Autoren und Filmemacher. So verwundert es dann auch wenig, dass Steven Spielberg die Gran Sabana als einen der Hauptschauplaetze fuer sein Dinosaurier-Epos “Jurassic Park“ auswaehlte.
Doch so karg und verlassen diese Landschaft auch wirken mag: sie steckt voller Leben. Davon konnten wir uns auf unserer 6-taegigen Wanderung selbst ueberzeugen. Wir entschieden uns naemlich dazu, den Roraima zu besteigen und uns selbst ein Bild dieses so besonderen Berges zu machen. Die bis zu 1000 m hohen Felswaende fallen schroff ab und stellen eine entwicklungsbiologische Grenzlinie dar. Die Abgeschiedenheit der Hochplateaus ermoeglichten einer Vielzahl von Pflanzen- und Tierarten eine vollkommen eigenstaendige Entwicklung ueber viele Millionen Jahre hinweg. Ueber 2000 unterschiedliche Pflanzenarten hat man bisher auf den Plateaus der Tepuis gefunden, von denen ueber die Haelfte endemisch ist, d.h. nirgendwo anders auf der Welt zu finden ist. Nirgendwo anders auf der Welt findet man einen solch grossen Anteil endemischer Lebensformen. Arten, die andernorts nur noch als Fossile erhalten sind, konnten hier – in einer anderen Welt, so nah und doch so fern der „unseren“ - weiterexistieren und sich fortentwickeln.
Die 6 Tage am, um und auf dem Roraima sind sicher eines der absoluten Highlights userer so ereignisreichen Reise und stellten zugleich einen fantastischen Rahmen fuer die Feierlichkeiten anlaesslich Elisabeths Suedamerika-Jahrestags dar. Am 16. Oktober vergangenen Jahres begann fuer sie in Buenos Aires das Abenteuer. Es ist schlicht die Andersartigkeit, die Unvergleichbarkeit, die diesen Berg so aussergewoehnlich machen. Neben der Bewunderung von Flora und Fauna sind es vor allen Dingen die fantastischen Blicke vom auf 2800 m gelegenen Gipfel-Plateau, die einem den Atem rauben. Und warum uns die Zeit in der Gran Sabana als besonders farbenreiche in Erinnerung bleiben wird, geht aus den folgenden Bildern hoffentlich hervor.
Mit einem tanzenden Herzen und voller Vorfreude darauf, was dieses Land noch alles zu bieten hat, setzen wir uns in wenigen Stunden in den Nachtbus in Richtung Norden. Nach Ciudad Bolívar. Die Stadt, die nach dem grossen Lateinamerika-Befreier Simón Bolívar benannt ist. Dessen grossartige und tieftraurige Geschichte hat an dieser Stelle jedoch keinen Platz mehr, wird uns jedoch vermutlich in den kommenden Tagen das ein oder andere Mal begegnen…
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Der Titel ist zwar zwischenzeitlich nicht mehr aktuell, befinden wir uns doch mittlerweile schon in der Gran Sabana im Suedosten Venezuelas an der Grenze zu Guyana und Brasilien; dennoch befinden wir die Eindruecke und Einsichten, die wir waehrend unserer Amazonas-Reise sammeln konnten, als zu bemerkenswert, als dass wir sie der Allgemeinheit vorenthalten koennten.
Und das hat vielerlei verschiedene Gruende.
Zum einen waeren da die Schiffe an sich. 3 unterschiedliche Boote waren von Noeten, um die knapp 3000 km Strecke von Yurimaguas/Peru ueber Iquitos, das Dreilaendereck Peru (Santa Rosa), Brasilien (Tabatinga) und Kolumbien (Leticia) und schliesslich Manaus zurueckzulegen. Schlimme Dinge hatten wir im Voraus gehoert. Die hygienischen Verhaeltnisse seien menschenunwuerdig, die Passagiere sowieso alle kriminell und das Essen selbst fuer (verwoehnte deutsche?) Hunde eine Zumutung.
Einige Rucksackreisende aus der vermeintlich zivilisierten westlichen Welt auf unserer ersten Fahrt sollten die einzige wirkliche Zumutung bleiben. Das Essen stellte sich mit der Ausnahme des zweiten Schiffes von Iquitos nach Leticia als koestlich heraus, die sanitaeren Anlagen wurden mehrmals taeglich gereinigt und die Existenz mehrerer Duschen muss wohl den Herrschaften des so hoch gelobten Auslaendischen Amtes in Berlin bei ihrer Reise entgangen sein. Oder wie soll man sich sonst erklaeren, warum vor einer Anreise per Schiff nach Iquitos wegen der miserablen hygienischen Verhaeltnisse so dringend abgeraten wird? Weiss der Teufel…
Zur Sicherheit an Bord kann man sicher geteilter Meinung sein. Letzendlich erweist sich ein wachsames Auge als das einzig sichere Mittel, Diebstahl zu verhindern. Ja, es wird viel geklaut, meist jedoch ist dies eben auf Unachtsamkeit zurueckzufuehren. Man muss sich eben vorstellen, dass sich mehrere hundert Menschen ihre Haengematten kreuz und quer, ueber- und untereinander haengen. Das Gepaeck wird dann unter der Haengematte platziert. Eng aneinander liegend versucht man dann, eine angenheme Schlafposition in seiner Matte zu finden. Klar, dass es in solch einem Durcheinander Menschen gibt, die die Moeglichkeit wahrnehmen, sich an herumliegenden Rucksaecken zu bedienen. In den meisten Faellen jedoch hatten wir angenehme und vertrauenswuerdige Nachbarn, sodass sich die anfaenlichen Paranoia dann auch schnell legten.
Nun aber zur wesentlichen Frage: wie verbringt man 8 Tage auf einem Schiff auf einem Fluss, dessen Ufer die meiste Zeit der Fahrt mehrere hundert Meter entfernt lediglich als kleine gruene Streifen am Horizont erkennbar sind? 3000 km sind eine lange, lange Strecke. Die Ausmasse des Amazonas, dieses unglaublichen Stroms, sind im wahrsten Sinne des Wortes unfassbar. Mit einer Laenge von 6448 km ist der Amazonas nach dem Nil der laengste Fluss der Erde. Was ihn aber zur Mutter aller Fluesse und zum Schoepfer eines der artenreichsten Gebiete des Planeten macht ist die unglaubliche Menge an Wasser, die er fuehrt. Der Amazonas fuehrt im Jahresmittel mehr Wasser, als die folgenden 7 wasserreichsten Fluesse der Erde gemeinsam! Hinter Manaus ist der Fluss je nach Jahreszeit zwischen 4 km und 10 km breit, waehrend der Regenzeit werden die angrenzenden Gebiete auf einer Breite von bis zu 60 km ueberschwemmt. Allein 17 seiner Nebenfluesse sind laenger als 1600 km und damit allesamt laenger als der Rhein (1200 km). Das Amazonasbecken bedeckt fast die gesamte noerdliche Haelfte des Kontinents Suedamerika.
Nun, da die wenigen grossen Siedlungen entlang des Amazonas fast ausschliesslich per Schiff oder Flugzeug erreichbar sind (Iquitos ist die groesste nicht auf dem Landweg erreichbare Stadt der Welt), dient der Fluss nicht zuletzt als primaerer Transportweg fuer Menschen und den Guetertransport. Dementsprechend ist die eigentliche Hauptattraktion einer Reise auf dem Hauptstrom des Amazonas neben des Fuehlens dieser unglaublichen Weite das Beobachten des alltaeglichen Lebens auf dem Amazonas. Saemtliche Schiffe, mit denen wir gereist sind, erfuellen eine Doppelfunktion und transportieren auf dem unteren Deck Gueter und Tiere, waehrend die oberen beiden Decks fuer Passagiere reserviert sind. Regelmaessig halten die Schiffe im vermeintlichen Niemandsland, bis sich einige Ureinwohner mit Macheten dem Dampfer naehern und es – nein, nicht entern – mit Bananen beladen. Nach 8 Tagen auf dem Fluss ein sehr vertrautes Bild ist ein kleiner mit Palmwedeln bedeckter Unterstand zwischen Regenwald und Flussufer, der als Bananenlager dient. Bei anderen Stopps werden Passagiere aufgeladen, wieder andere versorgen kleine Doerfer mit riesigen Eisbloecken, die als natuerliche Kuehlschraenke dienen. Oft werden 5 Kaesten Bier an Land gebracht. Auch im tropischen Regenwald des Amazonas ist Alkohol als mittlerweile ein kostbares Gut. Haelt das Boot in groesseren Ortschaften, stuermen Heerscharen von Menschen auf das Schiff, um ihre Waren anzubieten oder auch den ein oder anderen Passagier unfreiwillig von den Lasten seines Gepaecks zu befreien. Ein farbenfrohes Spektakel!
Etwa 60 Kuehe begleiteten uns auf dem Unterdeck auf dem Weg von Yurimaguas nach Iquitos. Waehrend sich die Passagiere hin und wieder mit einer zumindest lauwarmen Dusche erfrischen konnten, wurde das Vieh mehr oder weniger seinem Schicksal selbst ueberlassen und sorgte damit unfreiwillig fuer die Unterhaltung der von der Mittagshitze geplagten Passagiere. Lasst die Spiele beginnen! Oder: Notschlachtungen an Bord. Wir durften uns also davon ueberzeugen, wie man eine verdurstete Kuh mit einer einigen Machete binnen kuerzester Zeit (fachgerecht?) zerteilt. Erste Reaktion: „Endlich mal kein Huehnchen zum Abendessen!“
Fuer Unterhaltung und leibliches Wohl war also jederzeit gesorgt, die restliche Zeit haben wir uns mit der Lektuere der Abenteuer des „Papillon“ vertrieben, die zu grossen Teilen an den Orten spielen, die wir im Laufe unserer Reise bereits kennenlernen durften oder die wir noch besuchen moechten. Und ansonsten: die Atmosphaere aufsaugen! Der Amazonas also, ein Name, der einem spaetestens seit dem Erdkundeuinterricht in der Schule ein Begriff ist. Un nun darf man ihn tatsaechlich erleben. Der Amazonas bleibt kein loser Begriff mehr, er wird greifbar, erlebbar. Die Realtitaet des Amazonas liegt weit entfernt von dem, was man aus Arte-Dokumentationsfilmen kennt oder in National Geographic-Heften gelesen hat. Wer Tiere sehen will, muss auf einen der unzaehligen kleineren Nebenarme ausweichen. Wer auf dem Hauptstrom reist, bekommt die ungeschoente Realitaet zu Gesicht.
Auf unsseren Zwischenstationen verbrachten wir jeweils einige Tage in Iquitos, Leticia, Puerto Nariño und Manaus. Waehrend wir in Iquitos und Manaus auf den Spuren von Werner Herzog und Klaus Kinski („Fitzcarraldo“) wandelten und neben dem beruehmten Opernhaus in Manaus vor allem vom fantastischen Markt in Iquitos beeindruckt wurden (man mekt, wo und wie weit weg von „zu Hause“ man ist, wenn auf dem Markt Schildkroeten, Schlangen, Caimane und sonstige „Delikatessen“ verkauft werden), konnten wir in Puerto Nariño einen kleinen Eindruck in die tierreichen Schutzgebiete entlang des Amazonas gewinnen und uns einen Eindruck von dem Staedtchen verschaffen, welches aufgrund seiner vorbildhaften und auf Nachhaltigkeit basierenden Abfallwirtschaft als eines der saubersten auf dem gesamten Kontinent gilt.
Unser Amazonas-Abenteuer dauerte von Anfang bis Ende ca. 3 Wochen und wir sind froh und sehr dankbar fuer all die Eindruecke, die wir sammeln konnten. Nach einer solch langen Zeit in der Haengematte inmitten der nur schwer ertraeglichen tropischen Hitze muessen wir aber auch gestehen, dass uns nun die Fusssohlen brennen und wir uns darauf freuen, in den naechsten Wochen unser zu Hause wieder in den Bergen zu finden. In diesem Sinne: auf zu neuen Ufern!
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So, hier also nun mit einiger Verspaetung einige Einsichten in die Bergwelt der fantastischen Cordillera Blanca im Norden Perus…
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Lange Zeit haben uns die Anden begleitet. Wenn man es genau nimmt, befinden wir uns ja auf einer einzigen, langen Anden-Reise. Sieht man mal von gelegentlichen Abstechern ins Amazonas-Tiefland oder die Pazifik-Kieste ab, durchschreiten wir also mittlerweile seit 8 1/2 Monaten diesen unfassbar vielfaeltigen Gebirgszug – vom patagonischen Inlandeis bis hinauf zu den Auslaeufern des Gebirges in Kolumbien. Das Laufen, Wandern, Trekken – wie auch immer man die Fortbewegung auf zwei Beinen mit einem dicken Rucksack auf den Schultern nennen mag – hat sich zu unserer grossen Leidenschaft entwickelt. Es gibt nichts schoeneres, als nach einem ganzen tag in den Bergen am Abend sein Zelt an einem Gebirgssee aufzuschlagen und sich den Magen ,it Fertignudeln und Thunfisch vollzuschlagen.
Eine berechtigte Frage: WAS braucht ein Mensch mehr?
Unsere Reise haben wir seit unserem letzten Eintrag weiter gen Sueden fortgesetzt. Nachdem uns ein defektes Kamera-Objektiv mangels Alternativen zu einem kleinen Abstecher in die Hauptstadt Lima zwang (wo wir letztendlich auf einem faszinierend erschreckenden Hehler-Markt letztendlich jemanden finden konnten, der das Objektiv reparieren konnte), kamen wir nach etlichen Stunden im Bus im ersehnten Huaraz an. Nicht nur dem eingefleischten Bergschrat ist dies ein Begriff, gilt der Ort doch als ein Mekka fuer Naturfreunde. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass er am Fusse der Cordillera Blanca liegt, der hoechsten Gebirgskette der Welt ausserhalb des Himalayas. 22 Gipfel ueber 6000 m, ueber 50 sind es ueber 5700 m, verteilt auf lediglich 180 km Laenge, sprechen ihre eigene Sprache. Nicht selten wird das Gebiet als das beste Trekking-Gebiet der Welt bezeichnet. Dies ist natuerlich eine hoechst subjetive Ansicht, tut der Tatsache aber keinen Abbruch, dass es sich hoechst objetiv um einen atemberaubenden Flecken Erde handelt. Da aber hier der Winter meist im Laufe des Septembers einkehrt und man nach Moeglichkeit zusieht, dass man sich bei den ersten heftigen Schneefaellen nicht gerade auf einem Pass auf knapp 5000 m befindet, war unsere Zeit knapp bemessen. Etwas zu knapp vielleicht, denn die Moeglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. So entschieden wir uns, zur Akklimatisierung eine 5-taegige Rundwanderung zu starten – den „Santa Cruz Trek“. Im wahrsten Sinne des Wortes ein „Hoehepunkt“ stellte die Ueberschreitung des Passes bei „Punta Unión“ auf 4750 m mit atemberaubenden Blicken auf die Andencordillere dar.
Kaum zurueck, konnten wir einen Wetterumbruch feststellen. Die gewoehnlich wolkenfreien Tage wichen mehr und mehr wolkenverhangenen Nachmittagen und immer weisser werdenen Gipfel der umliegenden Berge zeugten vom bevorstehenden Einzug des Winters. So trafen wir schweren Herzens die Entscheidung, mehrtaegige Wanderungen in der benachbarten „Cordillera Huayhuash“ und rund um den „Alpamayo“ auf das naechste Mal zu verschieben. Fuer uns ist sicher: hierher kommen wir zurueck!
Nach 2 fantastischen Wochen beschlossen wir also, einen neuen, mindestens genauso aufregenden Abschnitt der Reise einzulaeuten: unsere Ueberfahrt von Peru ueber Brasilien bis nach Venezuela (wo wir dann schliesslich hoffentlich wieder auf unsere geliebten Anden treffen werden). Ein Unterfangen, welches Mangels Strassen einzig und allein auf einem DER grossen Wasserwege dieses Planeten stattfinden wird: dem Amazonas.
Seit einigen Tagen sind wir mit Jonas und Maria aus Merburg unterwegs, d.h. von den Anden (Huaraz) ueber die Pazifikkuetste (Trujillo) ins Amazonasbecken nach Yurimaguas, wo wir heute Morgen angekommen sind. Eine Reise von 3100 m auf Meeresspiegel inklusive der Durchschreitung saemtlicher Klima- und Vegetationszonen, die mit einigen Zwischenstopps gut eine Woche in Anspruch genommen hat.
Peru also. Immernoch Peru. Nicht, dass 3 Wochen eine sinderbar lange Zeit fuer solch ein grosses Land waeren. Es ist wieder einmal die Vielfaeltigkeit, die den Unterschied macht. Eben noch im Bann der 8-Millionen-Metropole Lima, morgen unterwegs zwischen schneebedeckten 6000 m-Gipfeln und tuerkisfarben schimmernden Gletscherseen und heute inmitten des immergruenen Tropenwaldes an der Muendung des Amazonas. Nicht zu vergessen die teils gewaltigen Ueberreste vergangener Zivilisationen. Ob nun die Inka (Machu Picchu), die Chimú (Chan Chan) oder die Chavín de Huantar: allesamt haben sie rieseige, beeindruckende Bauten hinterlassen, die eine Reise wert sind.
Mit den unterschiedlichen Regionen gehen unterschiedliche Lebens- und vor allen Dingen Essgewohnheiten einher. Das obligatorische „Cuy Asado“, also das gegrillte Meerschweinchen in den Anden, gehoert ebenso zu den Spezialitaeten der Regionalkuechen wie „Ceviche“, roher Fisch und rohes Meeresgetier mit scharfem Limettensaft mariniert, am Meer.
Eine weitere Besonderheit liegt in der indigenen Herkunft des Grossteils – zumindest der laendlichen Bevoelkerung – begruendet: die Sprache. Im Anden-Hochland werden Quechua und Aymara, im Amazonas Gebiet vor allem Yanomam-Sprachen gesprochen, sodass ausserhalb der touristischen Zentren oftmals die einheimische Bevoelkerung – wenn ueberhaupt – schlechter Spanisch spricht als wir. Ein merkwurdiges Gefuehl auf einem Kontinent, auf dem Spanisch in den allermeisten Laendern offizielle Landessprache ist!
Wir sind froh, jetzt auch diesen Teil des Landes kennenlernen zu duerfen. Es ist ein Teil, der offensichtlich (noch) abseits des „Gringo Trails“ ist, der gerade hier in Peru an einigen Orten besonders ausgetreten scheint (Machu Picchu, Inka-Trail etc.). Wir sind gespannt, was die naechsten Wochen fuer uns bereithalten. Bisher wissen wir nur, dass wir zunaechst von Yurimaguas nach Iquitos fahren. Ein Boot haben wir zwar noch nicht, wir sind aber zuversichtlich, dass das morgen alles klappt. Sollte dies der Fall sein, warten auf uns zunaechst etwa 4 Tage in einer Haengematte. Von dort aus verbleiben dann noch etwa 2000 km bis nach Manaus/Brasilien, also dem Ende unserer voraussichtlichen Amazonas-Odyssee.
So Gott/Pachamama/die Indianer/Wir will/wollen, koennen wir Euch in etwa 2 Wochen davon berichten, welch Ein- und Ausblicke 2700 km Bootsfahrt auf dem Amazonas so liefern kann…
(Fotos folgen…)
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Wie das so ist, wenn man sich auf Reisen befindet und jeden Tag aufs Neue Neues kennenlernt, merkt man manchmal gar nicht, wie schnell man zwischen unterschiedlichen Welten wandelt. Auch wenn wir ausgesprochen „langsam“ reisen. Der letzte Eintrag ist jetzt fast auf den Tag einen Monat her. Es fuehlt sich an, als sei ein halbes Jahr vergangen. Ein schoenes Gefuehl.
Mittlerweile befinden wir uns also schon in Ecuador. Oder vielleicht sollte man eher sagen noch in Ecuad0r, denn in weniger als 10 Tagen werden wir vermutlich die peruanische Grenze erreicht haben. Das tut aber auch eigentlich wenig zur Sache, denn schliesslich fuehlen sich auch diese Tage – 20 sind es an der Zahl – in diesem fuer uns ganz und gar neuen Land an, wie eine halbe Ewigkeit.
Im Vergleich mit seinen grossen Nachbarn Kolumbien und Peru ist Ecuador ein wirklich kleines Land. Etwas kleiner als das Bundesgebiet des ehemaligen Westdeutschlands. Das ist fuer lateinamerikanische Verhaeltnisse fast vernachlaessigenswert klein, in jedem Falle aber gross genug, den Reisenden vor organisatorische „Probleme“ zu stellen. Ja, auch wenn da auf hohem Niveau geklagt wird: die Reiseplanung ist trotz oder gerade wegen des Nicht-Vorhandenseins eines wirklichen Reiseplans (eher: Ideen) eine unserer alltaeglichen „Pflichten“, denn wir haben durchaus den Anspruch, aus unserer begrenzten Zeit das Bestmoegliche zu machen. Als Nachweis unseres harten Schicksals soll die Tatsache genuegen, dass wir – mit ganz wenigen Ausnahmen – doch tatsaechlich jeden Tag um 7 Uhr morgens beginnen!
Ecuador also, ein kleines Land. Trotzdem: wirft man einen Blick auf die Topografie des Landes, so muss man (mehr oder minder erstaunt) feststellen, dass dieses unscheinbar kleine Land doch ueber eine unfassbare Vielfalt unterschiedlicher Vegetationszonen verfuegt. Unter allen Moeglichkeiten erschien uns die Sierra, das Hochland also, am attraktivsten. Wir befinden uns also auf den Spuren des grossen Alexander von Humboldt auf der „Allee der Vulkane“. Einfacher und treffender kann man diese ca. 300km zwischen Tulcán und Riobamba wahrscheinlich nicht beschreiben. Gesetzt die Wolken lassen es zu, ist es unmoeglich, nicht von jedem beliebigen Punkt aus mindestens einen der schneebedeckten Gipfel zu erspaehen. Der wegen seiner Formvollkommenheit wohl markanteste und bekannteste unter ihnen ist der Cotopaxi. Bis der „Ojos del Salado“ an der argentinisch-chilenischen Grenze vor wenigen Jahren wieder zum Leben erwachte, konnte der Cotopaxi gar den Titel des „hoechten aktiven Vulkans der Erde“ fuer sich beanspruchen. Doch auch der Verlust dieses Titels nimmt dem kegelfoermigen Riesen nichts seiner ungemeinen Ausstrahlungskraft.
Uber das Oertchen Otavalo, Heimat des groessten Kunsthandwerk-Marktes des gesamten Kontinents, die faszinierende Hauptstadt Quito und die Stadt Latacunga, die uns als Basis fuer zahlreiche Unternehmungen in die Provinz diente, gelangten wir mit einigen Umwegen schliesslich nach Baños am Fusse des aktiven Vulkans Tungurahua, wo wir uns gerade befinden.
Mit dem Ueberschreiten der Grenze von Kolumbien nach Ecuador haben sich zwei wesentliche Dinge geaendert: die einheimischen Menschen sind zu einem ueberwiegenden Grossteil indigener Abstammung. Mestizen sind fast nur in den groesseren Staedten zu sehen, waehrend die Kueste, aehnlich wie in Kolumbien, groesstenteils von Nachkommen afrikanischer Sklaven bevoelkert ist. Zum anderen trifft man wesentlich mehr auslaendische Touristen (oder besser: Gringos). Waehrend sich aufgrund der sich hartnaeckig haltenden Vorurteile (Drogenkriminalitaet, Guerilla, Entfuehrungen) nur wenige Touristen nach Kolumbien verirren und man das Land vergeblich in der Angeboteliste der grossen Reiseveranstalter suchen wird, verfuegt Ecuador ueber eine ausgepraegte touristische Infrastruktur und lockt Rucksackreisende wie Familien und Pauschalreisegruppen an. Das irritiert im ersten Augenblick, ist aber nicht weiter stoerend, weil man doch wie ueberall nur ein paar wenige Schritte aus den touristischen „Ballungszentren“ herauszugehen braucht, um sich vollkommen alleine inmitten einer faszinierenden Bergwelt wiederzufinden. Da das „Laufen“ ja zu unserer Leidenschaft geworden ist, haben wir schon viele Tage damit zugebracht, ueber staubige Zufahrtsstrassen von Dorf zu Dorf zu wandern und so – trotz so einiger negativer Schilderungen von Mitreisenden – einen wunderbar freundlichen Eindruck ueber „Land und Leute“ gewinnen koennen. Sicher, im ersten Moment mag die indigene Landbevoelkerung zurueckweisend, misstrauisch und dadurch befremdlich wirken. Doch ueber ein freundliches Lachen und ein selbstbewusstes „Buenos días“ bewirkt man meist offene, herzliche Reaktionen und viel Neugier. Bei der Beurteilung von Offenheit und Toleranz gegenueber Fremden stelle man sich nur einen afrikanischen oder arabischen Touristen im tiefen Odenwald, auf der schwaebischen Alb oder in der Uckermark vor!
Die schwere Witschaftkrise um die Jahrtausenwende, die die Einfuehrung des US-Dollars als offizielle Landeswaehrung mit sich brachte, und die schweren Schaeden, die El Niño fast zeitgleich verursachte, hatten schwerwiegende Folgen fuer die Gesellschaft. Ein betraechtlicher Teil der Mittelschicht verarmte und heute leben Schaetzungen zufolge knapp zwei Drittel der Bevoelkerung unter der Armutsgrenze. Auch wenn man ganz klar sagen muss, dass sich das Land wesentlich unsicherer anfuehlt als Kolumbien, so haben wir hier doch fast nur positive Erfahrungen gemacht und die Menschen hier in unser Herz geschlossen.
Wie es momentan aussieht, werden wir in Kuerze Richtung Huaraz, Peru, weiterreisen, wo wir einige Wochen in der Cordilera Blanca und Cordillera Huayhuash in den Bergen verschwinden wollen. Danach wollen wir schauen, ob wir irgendwie von Yurimaguas ueber Iquitos auf dem Amazonas nach Manaus, Brasilien, kommen. Sollte das klappen, wird die Reise weitergehen nach Venezuela, bevor sich der Kreis dann Mitte Dezember in Kolumbien schliesst. Es waere allerdings nicht das erste Mal in Suedamerika, dass uns ein Land und seine Menschen dazu bewegen, unsere Planungen ueber den Haufen zu werfen. Bisher – toi toi toi – waren es immer positive Erfahrungen, die uns den Abschied erschweren wollten…
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Der Chocó ist ein verrueckter Ort! Man kann es einfach nicht anders beschreiben. Ca. 3 Wochen haben wir insgesamt in diesem Department verbracht, das vermutlich so reich an Kontrasten ist wie nur ganz wenige andere Orte auf dieser Welt. Seitdem La Violencia, der bewaffnete Binnenkonflikt, den Chocó im Jahre 2001 erschuetterte, verirrt sich kaum mehr ein Tourist hierher. Die wenigen, die die Reise auf sich nehmen, werden jedoch reich belohnt.
Wenn wir ueber den Chocó sprechen, so muss man dazu sagen, dass wir uns auf ein paar wenige kleine Doerfer an der Pazifikkueste (Bahía Solano, El Valle, Paerque Nacional Natural Ensenada Utría, Nuqui, Guachalito, Joví, Arusí) und die Gemeinden Capurganá und Sapzurro an der Atlantikkueste beziehen. Doch dieser kleine Ausschnitt hat bei uns durchaus Spuren hinterlassen.
Nachdem wir den Teil an der Atlantikkueste schon vor einigen Wochen besucht hatten, haben wir uns dieses Mal auf den Weg gemacht, die Pazifikkueste zu erkunden. Da die Ortschaften im Wesentlichen aus ein paar matschigen Strassen bestehen und die 8000-Einwohner-Grenze niemals ueberschritten wird, ist es wenig verwunderlich, dass keine Strassen in diesen Teil des Landes fuehren. Wir haben uns gegen as Flugzeug und fuer die Reise auf einem Frachtschiff entschieden, das einmal pro Woche von Buenaventura nach Bahía Solano faehrt. 22 Stunden Fahrt auf einem gnadenlos ueberladenen Schiff. Extremer Wellengang. Demenstprechend gering fiel dann auch die Nachfrage nach dem angebotenen Essen aus. Und wenn gegessen wurde, landete die Haelfte davon dann lediglich leicht anverdaut im Meer…
22 Stunden Fahrt sind fuer die Distanzen hier keine lange Zeit. In diesem Falle jedoch bedeutete die Fahrt eine Reise in ein andere Welt. Ein drastischer Unterschied zu jedem anderen Ort in diesem in sich schon so vielfaeltigen Land. Aufgrund seines Reichtums an Bodenschaetzen, vor allem Gold, hat der Chocó eine relativ lange Tradition kolonialer Ausbeutung hinter sich. Die heute dort lebenden Menschen sind bis auf wenige uebriggebliebene Ureinwohner fast ausnahmslos direkte Nachfahren afrikanischer Sklaven. Wuerde man nicht wissen, dass man in Suedamerika waere, wuerde man sich in Afrika waehnen.
Der Chocó ist auch heute noch das reichste Department im ganzen Land. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die meisten Menschen dort in groesserer Armut leben, als anderswo in Kolumbien. Die Korruption ist auch hier der Grund allen Uebels. Ein anderes, mindestens genauso schwerwiegendes Problem liegt in der Topografie und der strategisch wichtigen Lage des Departments begruendet: durch seine abgeschiedene, schwer zugaengliche Lage mitten im Urwald und dem Zugang sowohl zu Pazifik wie Atlantik hat sich der Chocó zu einem der Zentren des Drogenanbaus und vor allen Dingen des Drogenhandels entwickelt. Die strategisch wichtigsten und meist frequentierten Routen des Kokainhandels fuehren direkt an der Kueste entlang. Dementsprechend wimmelt es an der Straenden und in den Ortschaften nur so vor Soldaten. Die Situation in den touristisch zugaenglichen Gebieten hat sich dadurch verbessert, nur einen Steinwurf davon entfernt beginnt jedoch ein gesetzloses Gebiet, in dem die Drogenkartelle, Paramilitaers und Guerillas wie eh und je um ihre Geschaefte kaempfen. Auch interessant: im Chocó haben wir zum ersten Mal Menschen getroffen, die im Zusammenhang mit dem Drogengeschaeft das Wort „Krieg“ in den Mund genommen haben. Die Mehrheit spricht, wenn sie ueberhaupt darueber spricht, von „Problemen“.
Die Gegensaetze sind umwerfend.
Der Dschungel waechst fast ins Meer hinein. Kilometerlange graue Sandstraende ziehen sich gesaeumt von Kokospalmen soweit das Auge reicht die Kueste entlang. Wendet man sich zum Meer, so kann man vom Strand aus Buckelwale aus dem tiefblauen Wasser springen sehen. Dreht man sich um, tut sich eine grasgruene Wand aus scheinbar undurchdringbarem Dschungel auf. Findet man doch mal einen kleinen Pfad in den Regenwald, sieht und hoert man es wachsen und gedeihen. Unzaehlbare Suesswasserfluesse, voll von blauen Suesswasser-Garnelen, suchen sich ihren Weg in den Pazifik und stuerzen in wunderbaren Wasserfaellen durch den Urwald. Man muss sich also zu allem Uebel auch noch entscheiden, ob man nun ins Meer springen soll oder ein erfrischendes Bad in einer Gumpe mitten im Dschungel nehmen soll.
Die Naechte im Chocó gleichen einem Konzert: nie zuvor haben wir eine solch ohrenbetaeubend laute Stille erlebt. Geweckt wir man durch das Geschrei von Tucanen. Schaut man unter Wasser, schwimmen einem sofort Kugelfische, Rochen und Korallenfische in allen Farben, Formen und Groessen unter die Taucherbrille. Eine im wahren Sinne beaengstigende Schoenheit!
Gegessen wird ganz „einfach“ das, was da ist: Garnelen, Thunfisch, Kokosreis, Yucca. Sancocho de Pescado (Fischsuppe zubereitet mit Koriander und Kokosmilch) zum Mittag- und Abendessen .Dazu irgendwelche Fruechte, von denen man wahrscheinlich noch nichtmal in den Nachbarlaendern etwas gehoert hat. Ueber die mangelnde Abwechslung wollten wir uns dieses mal nicht beklagen.
Das, was die Erfahrung hier jedoch zu etwas ganz besonderem und einmaligem macht, sind (natuerlich neben den Buckelwalen, die jederzeit neben den Booten auftauchen koennen und dies auch tun!) die Menschen. Selten haben wir uns auf Anhieb unter fremden Menschen so wohl gefuehlt. Der Umgang untereinander ist mindestens eine Welt entfernt von dem, was man von zu Hause gewohnt ist. Und „unsere“ Welt kann sich an der Offenheit, der Hilfsbereitsachaft, der Entspannheit und der Lebenslust, mit der die Menschen an diesem fuer uns so paradiesischen Ort leben und mit der sie fremden Menschen gegenuebertreten, nur ein Beispiel nehmen!
Neben einer sehr intensiven Zeit und den Erinnerungen darn nehmen wir vor allen Dingen eines mit: die Sehnsucht, eines Tages wieder unter diesen und mit diesen wunderbaren Menschen an diesem einzigartigen Ort ein wenig Zeit zu verbringen.


































































